Herausforderung Netzanschluss: Vom Engpass zur Effizienz
Veröffentlichung März 2026
Veröffentlichung März 2026
Energie
| Factsheet, 24.03.2026
Der schleppende Netzausbau wird zunehmend zu einer der zentralen Herausforderungen der Energiewende. Meldungen über Engpässe, steigende Kosten und mangelnde Netzanschlüsse in den Übertragungs- und Verteilnetzen prägen die politische Debatte. Immer häufiger wird die Sorge geäußert, das Netz könne den rasch wachsenden Ausbau erneuerbarer Energien nur begrenzt aufnehmen. Eine zentrale Lösung ist der Netzausbau. Mit steigender Netzkapazität können auch mehr Anlagen an die Netze angebunden werden. Allerdings erweist sich der Netzausbau als technisch und bürokratisch langwieriger Prozess.
Gleichzeitig zeigt sich: anstatt auf die Netze zu warten, können bereits heute zahlreiche Maßnahmen zur effektiveren Netznutzung umgesetzt werden. Von intelligenten Anschlussprozessen über flexible Last- und Einspeisesteuerung bis hin zu Energiespeichern, die Netze entlasten und die Nutzung von erneuerbaren Energieanlagen erhöhen. Werden diese Potenziale parallel zum Netzausbau aktiviert, kann das bereits bestehende System deutlich effizienter genutzt werden und zusätzlichen Erzeugern, Speichern, und wichtigen Verbrauchern, darunter Industrie und Rechenzentren, einen zügigen Netzzugang ermöglichen.
Die zentrale Frage lautet daher: Welche Wege können parallel zum Netzausbau verfolgt werden, um die bestehende Infrastruktur effizienter zu nutzen und damit Kosten zu senken, Chancen für Innovationen zu eröffnen und regionale Entwicklungen zu stärken?
Stromnetze werden aus Sicherheitsgründen so ausgelegt, dass sie zu keinem Zeitpunkt überlastet werden. Deshalb darf an einem Netzverknüpfungspunkt (NVP) bisher nur so viel Leistung angeschlossen werden, wie auch abgeführt werden kann. Für konventionelle Kraftwerke war das sinnvoll, für Wind- und Photovoltaikanlagen, die nur selten ihre maximale Leistung erreichen, führt dieses Prinzip jedoch zu einer sehr ineffizienten Nutzung der vorhandenen Infrastruktur. Laut einer Studie des Fraunhofer IEE sind Netzverknüpfungspunkte heute oft deutlich unterausgelastet: Freiflächen-PV-Anlagen nutzen einen NVP im Jahresmittel nur zu rund 13 Prozent, Onshore-Windenergieanlagen zu etwa 33 Prozent. Mit einer gemeinsamen Nutzung eines NVPs, einer sogenannten „Überbauung“, etwa von Wind und Photovoltaik, lässt sich die Auslastung auf bis zu 53 Prozent steigern.
Von Überbauung spricht man, wenn die installierte Spitzen-Leistung einer oder mehrerer Anlagen höher ist als die dauerhaft abführbare Anschlusskapazität am NVP. Das kann effizienter sein, wenn die Einspeisung meist deutlich unterhalb der zulässigen Obergrenze bleibt. In Fällen von Spitzen, die die NVP-Kapazität temporär überschreiten, wird ein Teil der Leistung abgeregelt. So werden bestehende Netzkapazitäten besser ausgelastet, neue Projekte sind schneller anschließbar und insgesamt steigt die Kosteneffizienz. Rechtlich ist das bereits möglich: Netzbetreiber sind bei Anschlussengpässen verpflichtet die Möglichkeit auf Überbauung zu prüfen.
NVP-Auslastung über ein Jahr gemessen an der NVP-Kapazität. 100 % (Wind) → Installierte Erzeugungsleistung entspricht der NVP-Kapazität. Überbauung mit jeweils 150 % bzw. 250 % Spitzenerzeugungsleistung verglichen mit der NVP-Kapazität. Quelle: Netzverknüpfungspunkte-Studie des BEE, 2024. Zahlen für Schleswig-Holstein. Zuletzt aufgerufen am 20.03.2026. Eigene Darstellung.
Flexible Netzanschlussvereinbarungen, sogenannte „Flexible Connection Agreements“ (FCA), legen zwischen Netzbetreiber und Anlagenbetreiber vertraglich fest, wie viel Leistung eine Anlage zu bestimmten Zeitpunkten einspeisen oder beziehen darf. Die Bundesnetzagentur beschreibt FCAs explizit als Instrument, um trotz knapper Kapazitäten mehr Anlagen anzuschließen und das Netz effizienter zu nutzen.
Flexible Netzanschlussvereinbarungen und Überbauung greifen direkt ineinander: Die Überbauung erhöht die installierte Leistung am Anschluss und das FCA definiert die Betriebsgrenzen, damit die tatsächliche Einspeisung immer unterhalb der NVP-Kapazität bleibt. Gleichzeitig können FCAs auch ohne Überbauung sinnvoll sein, um Anschlüsse gezielt zu steuern und Engpässe zu vermeiden. Die Vielfalt möglicher FCA-Ausprägungen kann jedoch Anschlussvergabeprozesse verlangsamen und birgt das Risiko, dass ähnliche Projekte ungleich behandelt werden. Regulatorische Grundlagen für FCAs gibt es bereits heute, aber jeder Netzbetreiber setzt sie anders um. Außerdem gibt es keine Pflicht, FCAs anzubieten.
Zudem hat Deutschland so viele Netzbetreiber wie sonst kein zweites Land: Vier Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) betreiben in vier Regelzonen das Höchstspannungsnetz. Darunter liegt eine äußerst kleinteilige Struktur mit 865 Verteilnetzbetreibern (VNB) auf der Verteilnetzebene. Zum Vergleich: Niederlande hat 6, Dänemark 38, Frankreich 138, Spanien 333 Verteilnetzbetreiber, wobei die beiden letzteren flächenmäßig deutlich größer als Deutschland sind.
Das Ergebnis dieser heterogenen Netzlandschaft ist, dass Netzanschluss und Systemintegration häufig über viele unterschiedliche Verfahren, Datenanforderungen und technische Anschlussbedingungen organisiert werden müssen. Dadurch steigen Koordinationsaufwand und Durchlaufzeiten – insbesondere, wenn Projekte in mehreren Netzgebieten umgesetzt werden sollen und Standardisierung/Digitalisierung nicht durchgängig „end to end“ greifen. Zur Vermeidung ungleicher Bedingungen und Prozesse würde ein bundesweites FCA-Standardmuster helfen, aus dem Netzbetreiber je nach Netzsituation verbindlich auswählen müssen. Das schafft faire, diskriminierungsfreie Anschlüsse, verkürzt Abstimmungen während der Anschlussvergabe und hebt Effizienzen sowohl in den Netzen als auch bei den Betreibern.
Darstellung der deutschen Stromnetzbetreiber. Die Regelzonen der vier ÜNB sind eingefärbt, jeder Punkt markiert den Hauptsitz eines VNBs. Quelle: Eigene Darstellung.
Beim Cable Pooling, auch Co-Location genannt, nutzen mehrere Anlagen wie Windpark, Photovoltaik-Freiflächenanlage und Speicher gemeinsam denselben Netzverknüpfungspunkt (NVP). Der Effizienzgewinn entsteht dabei, weil Windenergieanlagen und Photovoltaikanlagen selten gleichzeitig ihre maximale Leistung liefern. Speicher verstärken diesen Effekt: Sie nehmen kurze Spitzen auf und speisen diesen Strom zu einem späten Zeitpunkt wieder ein. So wird der gemeinsame Anschluss besser ausgelastet, Projekte werden schneller anschließbar und Systemkosten sinken. Cable Pooling kann heute rechtlich gesehen bereits eingesetzt werden. Dazu müssen sich die Anlagenbetreiber, die sich den NVP teilen, einigen. Kompliziert wird es jedoch, wenn die angeschlossenen Anlagen unterschiedliche Netznutzungsverträge benötigen. So kann beispielsweise eine Batterie als Pufferspeicher gemeinsam mit Erneuerbaren-Anlagen angeschlossen werden. Dabei darf sie aber ausschließlich ins Netz einspeisen. Soll die Batterie auch vom Netz Strom beziehen können, benötigt sie einen separaten Vertrag. Das ist so aber noch nicht möglich. Für die Wirtschaftlichkeit vieler Batterien ist aber genau dieser Punkt entscheidend.
Die Digitalisierung der Netze umfasst zwei zentrale Bereiche: Anschlussprozesse und Netzbetrieb. Beide sind notwendig, um den heutigen Anforderungen an die Netzbetreiber gerecht zu werden. Die Prozess-Digitalisierung beschleunigt die Anschlussprozesse. Einheitliche Webportale und standardisierte Datensätze in allen Netzebenen sind die Voraussetzung für die effiziente Bearbeitung der Fülle von Anträgen für Batteriespeicher, Erneuerbare-Energien-Anlagen, Wärmepumpen, und Ladepunkte. Sie würden Rückfragen reduzieren, die Bearbeitung beschleunigen und dank höherer Transparenz mehr Planbarkeit schaffen, vor allem im Verteilnetz, wo das Endkundengeschäft abgewickelt wird. Ohne digitale Anschlussprozesse lässt sich die Vielzahl an Anschlussbegehren nicht bewältigen.
Die Betriebs-Digitalisierung macht Netze sichtbar und steuerbar. Netzbetreiber brauchen Mess- und Zustandsdaten, um Last und Einspeisung besser einschätzen zu können und die Flexibilitätspotenziale netzdienlich zu nutzen. Die zentrale Datenbasis dafür ist der Smart-Meter-Rollout, insbesondere im Verteilnetz. Dort mangelt es nicht nur an Messdaten, sondern häufig auch an einheitlichen Datenstandards. Auf Übertragungsnetzebene spielt Digitalisierung eine zentrale Rolle für die Systemführung, die Koordination zwischen Netzebenen und das effiziente Engpassmanagement.
Das Stromsystem wandelt sich unaufhaltsam in Richtung Dezentralität, Kurzfristigkeit und Elektrifizierung. Die hier vorgestellten Maßnahmen sind daher keine Innovationen, sondern vielmehr notwendige Grundlagen, die technisch bereits verfügbar sind: Ohne Digitalisierung, Standardisierung und Flexibilitätsnutzung lässt sich die Menge an Anschlussbegehren nicht mehr bewältigen. Die Steuerung des Systems wird zunehmend zur Herausforderung.
Während der Netzausbau voranschreitet, braucht es parallel dazu Effizienzmaßnahmen, die kurzfristig wirken können: Überbauung von Netzverknüpfungspunkten, FCAs, Cable Pooling und digitale Anschlussprozesse erhöhen die Auslastung bestehender Infrastruktur, reduzieren Wartezeiten und senken Systemkosten. Die niedrige durchschnittliche Nutzung von Netzverknüpfungspunkten zeigt das enorme Potenzial.
Entscheidend ist: Freiwilligkeit reicht nicht. Es braucht verbindliche Standards, klare Umsetzungsfristen und rechtliche Vorgaben, damit diese Effizienzmaßnahmen flächendeckend angeboten und umgesetzt werden. Selbst bei fortgeschrittenem Netzausbau würden ohne diese Maßnahmen erhebliche Effizienzpotenziale ungenutzt bleiben – mit vermeidbaren Systemkosten, die letztlich alle Verbraucherinnen und Verbraucher über die Stromrechnung tragen müssen. Damit wird ihre Umsetzung zur No-Regret-Maßnahme.
Energie
Politik
Gebäude & Wärme