Deutsch­lands Speicherpotenzial

Der Markt ist bereit, der Ord­nung­srah­men nicht

Auf einen Blick

  • Kost­en­effi­zienz durch Speicher: Bat­te­rie­spei­cher können abgeregelten Wind- und Solarstrom nutzbar machen, statt ihn zu verschwenden. Wäre die Batteriepipeline 2025 in Betrieb gewesen, hätte sie rund 800 Millionen Euro an Redispatch-Kosten und vermiedenen Gaskäufen eingespart. 
  • Großes Momentum im Markt nutzen: Deutsch­land beherbergt rund 25 Pro­zent der gesamten netzgekoppelten Batteriekapazität in der EU. Eine starke Projektpipeline von über 10 GW signalisiert weiteres Wachstum, das aber regulatorische Planungssicherheit voraussetzt.
  • Breite gesellschaftliche Nachfrage: Ob Hauseigentümerinnen und -eigentümer, die zunehmend in Speicher investieren, oder Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster, die Energiespeicher als wichtigste Zukunftstechnologie einordnen: Der Bedarf ist auf vielen Ebenen vorhanden. 
  • Ord­nung­srah­men entscheidet: Die anstehenden Gesetzgebungsvorhaben bestimmen, ob Deutsch­land seinen Vorsprung bei Bat­te­rie­spei­chern ausbaut oder verspielt. Bat­te­rie­spei­cher sollten in den Ausschreibungen für Back-Up-Kapazitäten mit Gaskapazitäten gleichgestellt werden. 

Deutsch­lands Speicherpotenzial

Veröffentlichung Mai 2026

EnergiePolitik

| Factsheet, 13.05.2026

Ein Kooperationsprojekt mit Ember.

Einleitung

Die deutsche Ener­gie­po­litik steht an einem Scheideweg. Das Energiesystem wird in den nächsten Jahren durch drei Gesetze geprägt werden: die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG 2027), das Netzpaket und das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz (StromVKG). Das EEG 2027 überarbeitet die Regelungen zur Förderung erneuerbarer Energien, während das Netzpaket den Ausbau erneuerbarer Energien stärker mit dem Netzausbau verzahnen soll. Das StromVKG soll gesicherte Backup-Kapazitäten für Dunkelflauten bereitstellen. Die Ausschreibungen dafür sollen voraussichtlich im September 2026 starten.

Mit der neuen Gesetzgebung wird sich entscheiden, ob die Stromversorgung Deutsch­lands durch bereits heute verfügbare und wettbewerbsfähige Tech­no­lo­gien gesichert wird, oder durch neue Gaskraftwerke. Letztere würden die Abhängigkeit von Brennstoffimporten auf Jahrzehnte festschreiben und die deutsche Wirtschaft geopolitisch bedingten Preisrisiken aussetzen. Die vorliegenden Daten sprechen dafür, dass Bat­te­rie­spei­cher zur Sicherung der Stromversorgung mit Gaskapazitäten gleichauf gestellt werden sollten. Das mahnt auch das Bundeskartellamt in einer Stellungnahme an. Die Wettbewerbshüter haben festgestellt, dass das StromVKG etablierte Anbieter bevorzugt und Batterieprojekte faktisch von der Förderung ausschließt.

Deutsch­land verfügt über eine starke Projektpipeline bei netzgekoppelten Bat­te­rie­spei­chern. Das Fehlen einer ambitionierten Strategie für saubere Flexibilität sowie die bevorzugte Behandlung von Gas in den geplanten Ausschreibungen riskieren jedoch, den Ausbau zu verlangsamen und die Vorteile von Bat­te­rie­spei­chern zu verspielen. Batterien können sicherstellen, dass möglichst viele mit Solar und Wind erzeugte Kilowattstunden genutzt werden: Sie reduzieren die Abregelung erneuerbarer Energien, senken die damit verbundenen Kosten und verringern die Abhängigkeit von teurer fossiler Erzeugung, indem sie sauberen Strom in sonnen- und windschwache Stunden verlagern. Sie unterstützen das Netz zunehmend durch Spannungsregelung, Notfallversorgung und Trägheit und stehen damit in direktem Wettbewerb mit fossilen Erzeugern für diese Systemdienstleistungen

Europaweiten Vorsprung bei Bat­te­rie­spei­chern erhalten

Deutsch­land beherbergt aktuell rund 25 Pro­zent der gesamten netzgekoppelten Batteriekapazität in der EU, über 2,5 Gigawatt (GW) waren Ende 2025 in Betrieb. Das ist mehr als doppelt so viel wie noch zwei Jahre zuvor mit 1,2 GW. Sinkende Batteriepreise treiben den rasanten Ausbau der Speicherkapazitäten an. Und es sind zahlreiche weitere Projekte in der Pipeline. Über 10 GW neue Batterieprojekte wurden bis Dezember 2025 angekündigt, davon befinden sich bereits 1,5 GW im Bau.
 


Bat­te­rie­spei­cher sind zunehmend preislich wettbewerbsfähig und schneller realisierbar als neue Gaskraftwerke, insbesondere angesichts des globalen Eng­passes bei Gasturbinen, der die Baukosten für neue Gaskraftwerke treibt. Auch die Leistungsfähigkeit von Bat­te­rie­spei­chern über längere Zeiträume verbessert sich: Eine Speicherdauer von vier Stunden gilt in Europa absehbar als neuer Standard. Ausschreibungen für Energiespeicher schaffen die Nachfrage nach Projekten mit noch längerer Speicherdauer. In Italien hatten beispielsweise alle bei den MACSE-Ausschreibungen im Oktober 2025 Projekte mit Zuschlag eine Speicherdauer von mehr als sechs Stunden

Das signalisiert ein starkes Momentum im Markt. Ob Deutsch­land die Vorteile von Bat­te­rie­spei­chern voll ausschöpfen kann, bleibt jedoch offen. Unsicherheiten über den regulatorischen Rahmen sowie die absehbare Bevorzugung von Gaskapazitäten in den bevorstehenden Kapazitätsausschreibungen drohen, das Vertrauen von Investoren in Speicherprojekte zu untergraben und den Ausbau zu bremsen.

Abgeregelter Strom trifft Verbraucherinnen und Verbraucher finanziell

Deutsch­land hat im Jahr 2025 im Rahmen von Redispatch-Maßnahmen schätzungsweise 8 Terawattstunden (TWh) Wind- und Solarstrom abgeregelt. Das entspricht rund 3,4 Pro­zent der gesamten Wind- und Solarstromerzeugung und ist kein abstrakter Effi­zie­nzverlust: Redispatch-Kosten werden über Netzentgelte direkt von Haus­halten und Unternehmen gezahlt. 

Angenommen die Bat­te­rie­spei­cher-Pipeline Deutsch­lands von 10,5 GW beziehungsweise 26,3 GWh wäre im Jahr 2025 bereits in Betrieb gewesen, dann hätte rund ein Drittel dieser Abregelung vermieden werden können. Das entspricht Einsparungen von etwa 800 Millionen Euro, die sich aus 613 Millionen Euro ausbleibenden Redispatch-Kosten und 219 Millionen Euro vermiedenen Gaskäufen zusammensetzen. Diese Kosteneinsparungen hätten die erforderlichen Investitionen in Bat­te­rie­spei­cher bei Weitem übertroffen. 

Für Realisierung und Betrieb der Bat­te­rie­spei­cher-Pipeline bräuchte es schätzungsweise Investitionen von 145 Millionen Euro pro Jahr. Diese Investitionen könnten jedoch mehr als das Fünffache (800 Millionen Euro) jedes Jahr wieder einsparen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis verbessert sich weiter, wenn man die zusätzlichen Systemdienstleistungen und die Nutzung über viele Jahre einbezieht. Speicher unterstützen das Stromnetz zunehmend durch Spannungsregelung, Notstromversorgung und als Teil der Momentanreserve. Sie stehen damit in direktem Wettbewerb mit fossilen Energieerzeugern für diese Dienstleistungen.
 


Darüber hinaus sind Bat­te­rie­spei­cher eine zentrale Voraussetzung für die nächste Ausbaustufe der Solarenergie. Je höher der Solaranteil am Tagesstrom wird, desto wichtiger werden Speicherlösungen, um diesen Strom in die Abendstunden mit hohem Verbrauch zu verschieben. Das zeigt sich bereits in Ländern wie Australien, wo Speicher die Strompreise in den Spitzenlaststunden am Abend spürbar dämpfen.

Deutsche Hauseigentümerinnen und -eigentümer signalisieren Bereitschaft

Das Marktsignal aus den Privathaushalten ist ebenso eindeutig. Der deutsche Markt für Eigenheime mit Photovoltaik und Bat­te­rie­spei­cher ist der größte in Europa: Bereits mehr als zwei Millionen Heimspeichersysteme sind installiert, das entspricht etwa einem von sechs Haus­halten im Eigenheim.

Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allens­bach von Herbst 2025 erwägen 30 Pro­zent der selbstnutzenden Hauseigentümerinnen und -eigentümer in Deutsch­land den Kauf eines Heimspeichers in den nächsten fünf Jahren. Wenn diese Kaufabsichten in tatsächliche Entscheidungen umgesetzt würden, könnte die Zahl der Heimspeicher in Eigenheimen von derzeit zwei Millionen auf sieben Millionen im Jahr 2030 steigen. Treiber sind vor allem der Wert der Eigenversorgung, die Absicherung gegen Stromausfälle und die Optimierung des Ladens von Elektro­autos. Heimspeicher profitieren in diesem Segment zunehmend auch von unterstützenden  Rahmenbedingungen: Mehrwertsteuerbefreiungen und die Einführung dynamischer Tarife erleichtern den Einstieg.

Über die individuellen Energiekosten hinaus ist das auch auf Systemebene relevant: Intelligentes Laden dieser Batterien an sonnigen Tagen kann Engpässe im Verteilnetz reduzieren und den Bundeshaushalt so um mehrere Millionen Euro jährlich entlasten.


Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster befürworten Großspeicher, stoßen aber auf erhebliche Hürden

Auch auf kommunaler Ebene ist das Interesse groß, wie eine Be­fra­gung von Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­stern durch die Ini­tia­ti­ve Kli­ma­neu­tra­les Deutsch­land und Hei­mat­wur­zeln zeigt. Energiespeicher führen die Liste der Tech­no­lo­gien an, für die Kommunen Interesse bekunden: mit 55 Pro­zent erzielten sie unter allen abgefragten Optionen den höchsten Zustimmungswert.
 


Gleichzeitig berichten 60 Pro­zent der Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster von schlechtem oder keinem Kenntnisstand zu Bat­te­rie­spei­chern in ihren Verwaltungen. Auch die finanzielle Lage ist angespannt: 72 Pro­zent der befragten Kommunen beschreiben ihren Haushalt als angespannt oder sehr angespannt, 50 Pro­zent nennen die Finanzierung als größtes Hindernis bei der Umsetzung von Energie­wendeprojekten. Ein weiteres zentrales Hemmnis ist der Netz­an­schluss: 97 Pro­zent der Befragten sehen vor Ort Her­aus­for­der­ungen beim Netzzugang.

Eine Flexibilitätsstrategie: das fehlende Puzzlestück

Die Kombination der Daten aus Haus­halten, Kommunen und dem Strommarkt legen die Schlussfolgerung nahe: Die Nachfrage nach Bat­te­rie­spei­chern ist real und wächst sowohl auf der Ebene der Privathaushalte als auch bei netzgekoppelten Großanlagen. Die Wirtschaftlichkeit ist grundsätzlich gegeben. Was fehlt, ist regulatorische Klarheit. Im kommenden StromVKG und Netzpaket sollten Bat­te­rie­spei­cher als gleichrangige Lösung für Netzstabilität und Flexibilität behandelt werden, nicht als nachrangige Option. Eine bevorzugte Vergabe für fossile Kapazitäten in Kapazitätsausschreibungen, wie im aktuellen Gesetzentwurf vorgesehen, würde Technologieoffenheit verhindern und Tech­no­lo­gien, die bereits heute wettbewerbsfähig und baureif sind, aus dem Markt drängen.

Was Deutsch­land braucht, ist eine kohärente Flexibilitätsstrategie: ein Rahmen, der Bat­te­rie­spei­cher aller Größen, nachfrageseitige Flexibilität einschließlich Elektrofahrzeugen und Wärme­pumpen sowie intelligente Netzinfrastrukturen gleichberechtigt berücksichtigt, flankiert von konkreten Zielwerten für nicht-fossile Flexibilitätskapazitäten.

Eine Flexibilitätsstrategie würde die Investitionssicherheit schaffen, die Marktteilnehmer benötigen, und sie würde strukturelle Hemmnisse im Ausschreibungsdesign beseitigen. Priorität sollte sein, dass die  anstehende Gesetzgebung die Stromversorgung Deutsch­lands durch kosteneffiziente, heute verfügbare und erneuerbare Tech­no­lo­gien absichert, statt durch eine neue Generation von Gasinfrastrukturen, die die Importabhängigkeit verlängert.

 

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