Was Kommunen können, was sie bremst

Be­fra­gung Kommunale Ener­gie­po­litik - Eine Studie von Hei­mat­wur­zeln und Ini­tia­ti­ve Kli­ma­neu­tra­les Deutsch­land

Auf einen Blick

  • Kommunen sind bereits tatkräftig am Werk: In nahezu allen Bereichen – Strom, Wärme, Mobilität – werden Projekte umgesetzt oder konkret geplant. Insgesamt ist das Interesse an erneuerbaren Energietechnologien sehr hoch.
  • Fehlende Netzkapazitäten und knappe Haus­halte sind die größten Bremsen: 97 Pro­zent der Kommunen erleben Netzanschlüsse als Her­aus­for­der­ung, 73 Pro­zent beschreiben ihre Finanzlage als angespannt.
  • Die Energie­wende ist eine Einnahmechance für Kommunen: Zwei Drittel der Standortgemeinden generieren bereits heute Einnahmen aus erneuerbaren Energieprojekten, über Gewerbesteuer, Pachtzahlungen und §6 EEG.
  • Eindeutiger Wunsch nach Bürokratieabbau: Mehr als 63 Pro­zent der Befragten sehen in einer Pauschalförderung mit vereinfachter Kofinanzierung den wirksamsten Hebel für eine schnellere Umsetzung.

Be­fra­gung Kommunale Ener­gie­po­litik

Veröffentlichung April 2026

EnergiePolitikGe­bäu­de & Wärme

| Analyse, 29.04.2026

Ein Kooperationsprojekt mit Hei­mat­wur­zeln.

Die Umsetzung der Energie­wende entscheidet sich dort, wo Projekte geplant und realisiert werden: in den Kommunen. Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster kennen die örtlichen Gegebenheiten, wissen, welche Lösungen praktikabel sind, und wo strukturelle Hindernisse bestehen. Sie sind damit Schlüsselakteure der deutschen Energieversorgung.

Hei­mat­wur­zeln e.V. und die Ini­tia­ti­ve Kli­ma­neu­tra­les Deutsch­land (IKND) haben über 600 deutsche Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster gefragt, wie sie die Lage vor Ort einschätzen und welche Erwartungen sie an die Bundes- und Landespolitik haben. Die gute Nachricht: Viele Kommunen setzen bereits Projekte um oder planen diese aktiv. Gleichzeitig drohen diese Projekte vor allem an fehlender Netzinfrastruktur und mangelndem finanziellen Spielraum zu scheitern. 

Kommunen treiben die Energie­wende aktiv voran

In nahezu allen Bereichen der komm­un­alen Infrastruktur – Energie, Wärme, Mobilität – werden Projekte bereits umgesetzt oder geplant. 81 Pro­zent der Kommunen haben Photovoltaik­anlagen auf öffentlichen Ge­bäu­den umgesetzt oder in Planung, 73 Pro­zent Ladesäulen für Elektrofahrzeuge. Besonders groß ist das Interesse an Energiespeichern: Obwohl bisher nur wenige Kommunen sie im Betrieb haben, ist das grundsätzliche Interesse unter allen abgefragten Maßnahmen am stärksten ausgeprägt. Der Wille zur Umsetzung ist über alle Gemeindegrößen hinweg vorhanden. Die Geschwindigkeit hängt jedoch stark von den jeweiligen Rahmen­bedingungen ab – personell, finanziell und infrastrukturell.

Netzausbau und knappe Haus­halte bremsen das kommunale Engagement

Gerade die Stromnetze entwickeln sich zum Flaschenhals. Fast jede zweite Kommune nennt fehlende Kapazitäten im Verteilnetz (46 Pro­zent) oder Engpässe bei Umspannwerken (39 Pro­zent) als größten Verzögerungsfaktor. Lediglich 3 Pro­zent der Befragten geben an, dass Netzanschlüsse kein Problem sind. Hinzu kommt, dass mehr als 73 Pro­zent der Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster die Haushaltslage ihrer Kommune als angespannt beschreiben. Förderprogramme scheitern in der Praxis häufig an Komplexität und Personalbedarf, besonders kleinere Gemeinden stoßen hier an ihre Grenzen.

Mehr als 63 Pro­zent der Befragten sehen in einer Pauschalförderung mit vereinfachter Kofinanzierung den wirksamsten Hebel für eine schnellere Umsetzung. Kommunen brauchen demnach keine neuen Programme, sondern einfacher zugängliche und verlässliche Förderstrukturen.

Die Energie­wende kann eine Einnahmechance sein

Die Energie­wende hat das Potenzial, eine relevante Quelle kommunaler Einnahmen zu werden und Kommunen damit resilienter und zukunftsfester zu machen. Zwei Drittel der Standortgemeinden generieren bereits heute Einnahmen aus erneuerbaren Energieprojekten. Die lokale Wertschöpfung geht dabei über direkte Einnahmen hinaus: Gewerbesteuer, Zahlungen nach §6 EEG und Pachtzahlungen stärken besonders den ländlichen Raum, wo erneuerbare Energien ein neues wirtschaftliches Standbein schaffen können. Bei Kommunen mit Windkraftanlagen berichten 91 Pro­zent von Einnahmen, bei Kommunen mit Photovoltaik-Freiflächenanlagen sind es 82 Pro­zent.

Dennoch bleibt erhebliches Potenzial ungenutzt: Nur zwei Drittel der berechtigten Kommunen rufen die ihnen zustehenden §6-EEG-Zahlungen tatsächlich ab. 23 Pro­zent geben an, davon noch nie gehört zu haben oder keine belastbaren Informationen zu besitzen. Die finanzielle Beteiligung von Standortgemeinden an der lokalen Energieerzeugung kann nach Angaben der Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster jedoch die Akzeptanz für Projekte vor Ort sichern.

Rückhalt vor Ort, fehlende Berücksichtigung auf Bundesebene

Die Akzeptanz für die Energie­wende ist in den Kommunen hoch: Rund 78 Pro­zent der Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster schätzen sie vor Ort als hoch oder sehr hoch ein. Dennoch zeigen sich regionale Unterschiede. In den südlichen Bundesländern zum Beispiel schätzt eine überwältigende Mehrheit von 85 Pro­zent der Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster die Akzeptanz als (sehr) hoch ein. Was die Akzeptanz tatsächlich stärkt, ist klar: günstige Energiepreise (67 Pro­zent) und die direkte finanzielle Beteiligung der Bevölkerung (55 Pro­zent) sowie der Kommunen (43 Pro­zent). Zwei Drittel der Befragten sind jedoch der Meinung, dass die Kommunikation der Bundesregierung zur Energie­wende negative Auswirkungen auf diese lokale Akzeptanz hat.

In allen abgefragten Bereichen – Stromerzeugung und Netze, Wärmenetze und kommunale Wärmeplanung, Mobilität und Lade­infra­struk­tur sowie Finanzierung der Energie­wende – fühlen sich die Kommunen zudem von der Bundesregierung unzureichend berücksichtigt. So bewerten 82 Pro­zent die Berücksichtigung kommunaler Belange bei der Finanzierung der Energie­wende als unzureichend.

Zur Studie

Die Be­fra­gung wurde von Januar bis März 2026 per Online-Interview durchgeführt. Eingeladen waren alle deutschen Bür­ger­mei­sterinnen und Bür­ger­mei­ster. Die 609 teilnehmenden Kommunen beheimaten rund 10 Pro­zent der deutschen Haus­halte.

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