Deutschlands Auto-Exportmärkte im Wandel
Veröffentlichung September 2026
Das Fallbeispiel Großbritannien
Wirtschaft & ArbeitMobilität
| Factsheet, 21.09.2026
In Großbritannien haben rein batterieelektrische Fahrzeuge, auf Englisch Battery electric vehicles (BEV), in nur drei Jahren einen deutlichen Aufschwung erlebt. Ihr Anteil an den Neuzulassungen ist zwischen 2023 und dem ersten Halbjahr 2026 von 16,5 Prozent auf 25 Prozent gestiegen. Die britische Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT) prognostiziert eine Fortführung dieses Trends und erwartet 2027 einen Marktanteil bei Neuzulassungen von 32 Prozent.
Mit dem Zero-Emissions-Vehicle Mandate (ZEV-Mandat) hat sich Großbritannien ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: bis 2030 sollen Zero-Emission-Vehicles (ZEVs) mindestens 80 Prozent an den Neuzulassungen ausmachen. Für die verbleibenden maximal 20 Prozent sind ausschließlich Fahrzeuge mit Hybridantrieb zugelassen. Ab 2035 dürfen nur noch Zero-Emission-Vehicles neu zugelassen werden. Unter ZEVs versteht man in Großbritannien BEVs oder Wasserstofffahrzeuge mit Brennstoffzelle; hybride Fahrzeuge fallen nicht darunter. Das ZEV-Mandat ist jedoch momentan Bestandteil politischer Diskussionen. Eine Herabstufung des Zwischenzieles für 2030 von 80 auf 50 Prozent gilt nach Abschluss der aktuell noch laufenden Industriekonsultation der Regierung als wahrscheinlich. Damit dürften vorübergehend mehr Hybridfahrzeuge zugelassen werden als ursprünglich vorgesehen. Gleichzeitig wird erwartet, dass das Ziel für 2035 erhalten bleibt.
2025 war Großbritannien erstmals seit dem Brexit Deutschlands größter globaler Exportmarkt und lag noch vor den USA. Das ist vor dem Hintergrund besonders wichtig, dass die deutsche Automobilindustrie vom Export lebt: 2025 wurden 76,5 Prozent der in Deutschland hergestellten Fahrzeuge exportiert. Das bedeutet, dass Autokäufe im Ausland die deutsche Wirtschaft ankurbeln und deutsche Produktionsstandorte stärken. Deutschland produziert vor allem für den europäischen Markt, die USA und China. Der chinesische Markt bricht aufgrund erfolgreicher heimischer Marken schnell weg, und die aktuelle Zollpolitik der USA erschwert den Export dorthin. Vor diesem Hintergrund ist der europäische Markt, und damit auch Großbritannien, von besonderer Relevanz für die deutsche Autoindustrie. 2025 hat Deutschland knapp 413.000 Pkw nach Großbritannien exportiert, der zweitwichtigste Markt ist dann mit deutlichem Abstand Italien mit gut 200.000 verkauften Pkw.
Deutschland ist zudem traditionell Pkw-Nettoexporteur nach Großbritannien. Im ersten Halbjahr 2026 lag der Wert der nach UK exportierten Pkw beim Fünffachen der Pkw-Importe. Deutschland erzielt im Automobilbereich einen Handelsüberschuss. Der britische Pkw-Markt sorgt also in besonderem Maße für Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Kaufkraft in Deutschland. Auch mit Blick auf BEV ist Deutschland Nettoexporteur gegenüber Großbritannien (siehe Abbildung 1).
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Datenschutzeinstellungen ändernDer Anteil der Elektrofahrzeuge an den nach Großbritannien exportierten Pkw wächst seit sieben Jahren rapide (siehe Abbildung 2). Sie machen mittlerweile gemessen an den Stückzahlen den größten Anteil aller Antriebsarten an den deutschen Exporten dorthin aus: Von nahezu null Prozent im ersten Halbjahr 2019 machten BEVs im ersten Halbjahr 2026 36 Prozent aus. Hybridfahrzeuge erreichten 2021 bereits ihren Höhepunkt und stagnieren seitdem bei etwa 25 Prozent der Exporte.
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Datenschutzeinstellungen ändernTrotz Schwankungen von BEVs am gesamten Exportwert in den vergangenen sieben Jahren sprang der Anteil 2024 auf 40 Prozent (siehe Abbildung 3). Die Schwankungen waren oftmals politisch bedingt, beispielsweise durch Förderstopps, z.B. im ersten Halbjahr 2025. BEVs haben zudem seit dem zweiten Halbjahr 2024 den größten Handelsüberschuss verglichen mit anderen Antriebsarten. Reine Elektrofahrzeuge sichern damit heute die höchsten Brutto-Einnahmen im Handel mit Großbritannien. Dabei ist zu berücksichtigen, dass aufgrund der hauptsächlich im Ausland hergestellten Batterie als Kernkomponente eines E-Pkw weniger Wertschöpfung im Vergleich zur traditionellen Autoherstellung in Deutschland verbleibt.
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Datenschutzeinstellungen ändernWie oben ausgeführt, sieht die britische Regulierung vor, dass in etwas mehr als drei Jahren nur noch reine Elektrofahrzeuge, PHEVs und HEVs zugelassen werden dürfen – trotz absehbarer Abschwächung des ZEV-Mandats. Wenn die britische Regulierung weiterhin an diesem Kurs festhält, dürften spätestens ab 2030 neue Pkw mit Verbrennungsmotor und ab 2035 dann auch neue Hybridfahrzeuge im deutschen Export nach Großbritannien kaum noch von Bedeutung sein. Um den Marktanteil deutscher Hersteller in einem Automarkt mit absoluter BEV-Dominanz zu verteidigen, wird das Angebot deutscher Autobauer stimmen müssen. Das betrifft vor allem die Technik und den Preis sowie die Modellvielfalt.
Der aktuelle Hochlauf der Elektromobilität in Großbritannien stellt im internationalen Vergleich keine Ausnahme dar. Vielmehr bildet er den globalen Trend ab: weltweit dürften reine Elektrofahrzeuge 2026 28 Prozent der Käufe ausmachen, Tendenz steigend. Gleichzeitig nimmt das Geschäft mit dem Verbrennungsmotor rapide ab. Dieser Trend ist in zahlreichen Märkten, die mit Pkw deutscher Hersteller von Deutschland aus bedient werden, besonders stark. So zum Beispiel in Frankreich, wo der BEV-Anteil an den Neuzulassungen im ersten Halbjahr 2026 28 Prozent ausmachte. Oder in Belgien, das einen BEV-Anteil von 36 Prozent verzeichnete.
Das Fallbeispiel Großbritannien ist auch vor dem Hintergrund interessant, dass das Land nicht mehr Teil der Europäischen Union ist. Wenn die EU die Flottengrenzwerte aufweicht oder keine Ziele für Unternehmensflotten festlegt, wird das den britischen Markt nicht direkt beeinflussen. Das Exportniveau lässt sich einzig und allein mit passenden Produkten aufrechterhalten.
Deutsche Pkw-Modelle rangieren wiederholt in den Top 10 der meistzugelassenen Modelle in Großbritannien. Der unangefochtene Champion ist jedoch Tesla, das mit dem Standort in Grünheide auch in Deutschland produziert. Wichtige Exportprodukte sind der Audi Q4 e-Tron und der BMW i4. Der Audi Q6 e-Tron stieg im Jahr 2025 nach dem Verkaufsstart im April 2024 direkt auf Platz 4 der meistzugelassenen BEVs in Großbritannien ein. Auch der VW ID.4 taucht regelmäßig in der Liste der meistverkauften Modelle auf. Zudem ist Skoda als Teil der VW-Markenfamilie regelmäßig in diesem Ranking vertreten.
Die erwähnten Modelle waren über mehrere Jahre beliebt, der Audi Q6 e-Tron war in seinem ersten, unvollständigen Verkaufsjahr 2025 (Verkaufsstart Ende April) bereits sehr erfolgreich (siehe Abbildung 4). Das kommt auch den Standorten in Deutschland zugute, die diese Modelle bauen. Angesichts des starken Aufwärtstrends bei der Elektromobilität können sie Zukunftsstandorte für den Export nach Großbritannien sein. Das betrifft vor allem das sächsische Zwickau sowie in Bayern München und Ingolstadt. Wenn die Modellstrategie der deutschen Autobauer weiterhin stimmt, sollten sie eindeutig von der Elektrifizierung profitieren.
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Datenschutzeinstellungen ändernGleichzeitig sind die Neuzulassungen in Großbritannien sehr stark von Firmenflotten geprägt, die u. a. mit Steuernachlässen staatlich unterstützt werden. 2024 waren zum Beispiel 82 Prozent aller BEV-Neuzulassungen auf Unternehmensflotten zurückzuführen. Der Anteil privater Pkw lag entsprechend bei lediglich 18 Prozent. Als Premium-Flottenfahrzeuge der gehobenen Mittelklasse (Executive Segment) profitieren in Deutschland hergestellte Modelle deutscher Autobauer aufgrund ihres Produktportfolios. Mit zunehmender Elektrifizierung britischer Fuhrparks hat dieses Segment im Ergebnis auch gute Wachstumschancen.
Im deutlich kleineren Privatmarkt ist die britische Nachfrage anders strukturiert. Es werden auf der einen Seite erschwingliche Volumenmarkt-Elektroautos gefragt wie der MG4 und der Renault 5. Ihre deutschen Konkurrenten werden aus strategischen Gründen oft auf Produktionsstandorte setzen, bei denen sich Energie- und Lohnkostenvorteile ergeben – so wird VW den ID. Polo, ID.1 und ID. 2 in Südeuropa bauen. Auf der anderen Seite werden in Großbritannien familientaugliche Fahrzeuge der Kompakt- und Mittelklasse wie der Kia EV3, Tesla Model 3 und Y oder Skoda Enyaq und Elroq gefragt.
Skoda gehört zwar zum deutschen VW-Konzern, die genannten Modelle werden aber in Tschechien gebaut. Hier sorgt unerwartet Tesla mit dem absoluten UK-Champion Model Y für deutsche Beschäftigung und Wertschöpfung: ein erheblicher Teil der für Großbritannien bestimmten Model-Y-Modelle wird im brandenburgischen Grünheide gefertigt.
Großbritannien ist ein etablierter Markt für in Deutschland gefertigte Modelle höherer Preisklassen. Diese Exporte kommen deutschen Automobilstandorten in ganz Deutschland zugute. In acht Jahren wird Deutschland diesen Markt nahezu nur noch mit reinen Elektro-Pkw bedienen dürfen. Für derzeit nicht ausgelastete Standorte wie z.B. die Werke Zwickau und Emden ist die erwartbare wachsende Nachfrage in Großbritannien eine Chance. Das gilt auch für andere europäische Länder mit einem starken Flottenmarkt und einer rasanten Elektrifizierung.
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